Sich Hilfe suchen

Beitrag teilen in:

Sich Hilfe suchen

Hochstrittige Trennungen belasten. Der Streit mit dem anderen Elternteil, Anwaltsschreiben, Vorwürfe, Existenzängste, Sorge ums Kind, Gerichtsverfahren und das alles über einen langen Zeitraum. Jeder Punkt für sich kann einen schon aus der Bahn werfen, dazu noch die immer wiederkehrende Frage nach dem „warum“?

In solchen Situationen kann es sinnvoll sein, sich Hilfe zu suchen. Auch wenn man sonst der Meinung ist, „ich schaff das auch alleine“, stoßen die meisten bei hochstrittigen Trennungen früher oder später an ihre Grenzen.

Damit es erst gar nicht so weit kommt, hilft es, darüber zu reden.

Sich Hilfe zu suchen ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Zeichen von Stärke

Freunde und Bekannte sind oft die ersten Anlaufstellen. Zwar findet man dort meist Trost und Zuspruch. So wirklich verstehen, was in hochstrittigen Trennungen passiert und wie man damit umgehen soll, dabei können Freunde und Bekannte meist nur eingeschränkt unterstützen, liegen die Mechanismen und Abläufe doch weit außerhalb dessen, „was man so kennt“. Trotzdem sind sie eine wichtige Stütze. Man sollte aber darauf achten, das private Umfeld nicht nur noch mit den Problemen der Trennung zu belegen, da auch dies überfordern kann. Das private Umfeld braucht man noch, wenn es darum geht, sich auch außerhalb des Trennungswahnsinns zu beschäftigen.

Gute Freunde halten zusammen - sich Hilfe suchen im familiären Umfeld
Gute Freunde halten zusammen

Selbsthilfegruppen dagegen sind genau für den Zweck geschaffen, einem in einer spezifischen Problemlage mit eigenen Erfahrungen zu unterstützen. In Bezug auf hochstrittige Trennungen hat zum Beispiel der Väteraufbruch für Kinder e.V. bundesweit auf ehrenamtlicher Basis regionale Selbsthilfe-Angebote für Väter und Mütter und umfassende Erfahrung. Regional kann es natürlich auch noch andere Gruppen geben, hören Sie sich einfach um. In vielen Städten gibt es Selbsthilfezentren, die behilflich sein können. Auch Selbsthilfeangebote für Angehörige psychisch kranker Menschen, für Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen oder andere Themen können je nach eigener Situation sinnvolle Anlaufstellen sein.

Anwälte können Ihnen zumindest dann helfen, wenn es um juristische Auseinandersetzungen geht, die es leider viel zu häufig gibt. Empfehlenswert sind Fachanwälte für Familienrecht. Ob ein Anwalt gut oder schlecht ist, erfährt man meist zu spät – ein Pauschalrezept, dies herauszufinden gibt es leider nicht. Vielleicht helfen aber Erfahrungen von Menschen aus Ihrem Umfeld weiter. Ein Anwalt sollte versuchen, möglichst Druck aus der Eskalation zu nehmen und sie vor allzu heftigen Angriffen und auch vor eigenen Überreaktionen zu schützen. Ein guter Anwalt wird vielleicht auch nicht jeder Forderung nach einer „Gegenattacke“ folgen, sondern Ihnen auch mal den Rat geben, auf die eine oder andere Provokation nicht zu reagieren. Hier haben Anwälte den Vorteil, selbst nicht emotional involviert zu sein.

Es ist allerdings nicht Aufgabe eines Anwaltes, ihre Beziehungsprobleme zu lösen oder sich stundenlang jedes Detail einer langen Beziehung anzuhören (Ausnahme: Abrechnung auf Stundenbasis, dass wird dann aber sehr teuer). Versuchen Sie daher, sich auf die für eine juristische Auseinandersetzung notwendigen Angaben und Informationen zu beschränken.

Justizia ist nicht blind

Familiengerichte sind per se nicht unbedingt ein Ort, an dem man Hilfe suchen sollte. Bei Gericht werden Entscheidungen gefällt und selten Probleme gelöst. Trotzdem kann auch der Gang zum Gericht eine Hilfsoption sein, denn durch eine gerichtliche Entscheidung wird manchmal der Streit um ein Thema beendet. Wie diese Entscheidung ausgeht, hängt dabei nicht nur von den objektiven Fakten ab, sondern auch von der Qualifikation und persönlichen Einstellung des Richters. Selbst wenn man selbst sich absolut sicher ist, dass das Gericht ja nur die eine richtige Entscheidung treffen kann, wird man in der Praxis immer wieder vom Gegenteil überrascht. Insofern sollte der Ganz zum Gericht gut überlegt sein und vorher möglichst andere Lösungsmöglichkeiten in Betracht gezogen werden.

Jugendämter sind sowieso „mit an Bord“, sobald hochstrittige Trennungen in Fragen der Kinder vor Gericht verhandelt werden. Darüber hinaus können Jugendämter Gespräche mit den Eltern führen (auf freiwilliger Basis) und Hilfen zur Erziehung genehmigen (z.B. Beratungen in Erziehungsberatungsstellen, begleiteter Umgang, Familienhelfer etc.). Ein häufiger Irrtum ist, dass Jugendämter etwas anordnen oder vorschreiben. Dies können sie nicht, dazu ist, bis auf sehr wenige Ausnahmen, ausschließlich das Familiengericht befugt.

Jugendämter stehen nicht nur durch Skandale wie in Staufen, Lütge, Solingen und vielen weiteren regelmäßig in der Kritik. Schlecht ausgebildet, unterbesetzt, überlastet, teils als parteiisch wahrgenommen. Die Kritik ist in einigen Fällen sicherlich auch berechtigt. Trotzdem sind auch Jugendämter nicht „nur schlecht“ oder „nur gut“ und können mit engagierten und qualifizierten Mitarbeitern ihren Teil dazu beitragen, hochstrittige Auseinandersetzungen zwischen Eltern einzudämmen. Es hängt wie so oft halt an dem Menschen, der sich der Sache annimmt und weniger an der Funktion.

Elternkurse wie z.B. das bundesweite Programm „Kinder im Blick“ können helfen, Ihnen einen anderen Blick auf die Konfliktdynamik getrennter Eltern zu geben und vor allem auch zu erkennen, wie Kinder reagieren und was deren Reaktionen zu bedeuten haben. Selbst wenn man fest glaubt, sein Kind zu kennen, die Verhaltensweisen von Kindern in Trennungssituationen stellen doch viele Eltern vor ungeahnte Herausforderungen und unschöne Überraschungen. Daher sind solche Kurse grundsätzlich empfehlenswert. Ein weiterer Vorteil: in den Kursen sind sowohl Mütter als auch Väter (nie die jeweiligen Partner miteinander) und man hat so die Möglichkeit, auch vom „anderen Geschlecht“ ein Feedback zu erhalten, wie die eine oder andere Situation gesehen werden könnte. Sinnvoll ist es, wenn beide Eltern solche Kurse besuchen würden, aber selbst wenn nur ein Elternteil teilnimmt, kann dieser oft einen Mehrwert für sich daraus ziehen.

Es gibt auch noch weitere, regional angebotene Programme wie „Kinder aus der Klemme“, welche sich explizit an Eltern in hochstrittigen Trennungen richten und mit mehreren Elternpaaren (beide Partner zusammen) und den Eltern arbeiten. Grob kann man sagen, dass dieses recht aufwändige Programm bei 1/3 der Eltern gut hilft, bei einem weiteren Drittel sich Verbesserungen mit kleinen Nacharbeiten erzielen lassen und ein weiteres Drittel davon nicht profitiert.

Auch das Programm „wir2“ kann eine Unterstützungsoption sein um Hilfe zur Bewältigung der Situation zu erhalten.

Mediatoren sind grundsätzlich eine gute Anlaufstelle. Sie helfen den Konfliktparteien, gemeinsam zu einer Lösung zu kommen, ohne diese zu bevormunden. Das größte Problem im Kontext hochstrittiger Trennungen: für eine Mediation braucht es die Zustimmung beider Parteien. Da es leider ein häufiges Merkmal in hochstrittigen Trennungen ist, dass ein Elternteil sich einer Einigung verweigert oder entzieht, sind Mediationen in solchen Fällen leider nur sehr selten ein probates Mittel. Sollten aber beide die Bereitschaft zu einer Mediation haben, sollte man einen solchen Versuch wagen.

Zerbrochenes Herz

Familienberatungen teilen ein ähnliches Schicksal wie Mediatoren – sie sind auf Freiwilligkeit der Eltern angewiesen. Manchmal wird die Arbeit einer Familienberatungsstelle durch einen gewissen Druck durch das Familiengericht oder Jugendamt unterstützt, auch wenn niemand zu einer Beratung gezwungen werden kann. Leider sind sehr viele Familienberatungsstellen mit hochstrittigen Fällen überfordert. Sie sind darauf eingestellt, mit beiden Eltern zu arbeiten und diese zu gemeinsamen Lösungen zu führen. Interventionen, wie sie in hochstrittigen Fällen häufig erforderlich sind, gehören meist nicht zu ihren Lösungsansätzen.

Selbst wenn sich ein Elternteil weigern sollte, kann eine Familienberatungsstelle einem Elternteil Rat und Unterstützung geben, wie er selbst mit der Situation umgehen kann und so eine wertvolle Unterstützung bieten.

Psychologen / Therapeuten kommen oftmals dann ins Spiel, wenn ein erheblicher Leidensdruck oder Unterstützungsbedarf besteht. Dies kann aufgrund akuter Belastungen aus der hochstrittigen Trennungssituation heraus entstehen oder aber aufgrund vorhandener aber bisher verborgener Traumata, psychischer Akzentuierungen oder Störungen. Ihre Arbeit ist oftmals langfristiger angelegt, kann dann aber bei erfolgreicher Behandlung den Leidensdruck mindern und die Lebensqualität deutlich verbessern.

Ansammlung psychischer Belastungsfaktoren - sich Hilfe suchen bei psychischen Belastungen

Egal, wie schwer die Situation auch ist, sie ist nicht ausweglos. Wie dargestellt gibt es umfangreiche Hilfs- und Unterstützungsangebote, die sie nutzen können. Es gibt zwar keine Garantie, dass damit der hochstrittige Konflikt gelöst wird, aber sie werden dabei unterstützt, besser mit der Situation klar zu kommen.

Und noch einen Gedanken sollten Sie mitnehmen. Die Hilfe holen Sie für sich selbst. Aber nicht nur, sondern auch für ihre Kinder. Denn diese sind mindestens ebenso belastet wie Sie. Je besser es Ihnen geht, je stabiler Sie selbst sind, desto mehr Hallt und Sicherheit können Sie ihren Kindern geben.

Kommentare sind geschlossen.