Den eigenen Anteil erkennen

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Den eigenen Anteil erkennen

„Ja aber was soll ich denn tun, wenn der andere Elternteil …“ ist wohl eine der häufigsten Antworten, wenn man mit Eltern in hochstrittigen Trennungen über das Thema „eigener Anteil“ spricht. Die Reaktion ist häufig verständlich und zeigt oft die Hilflosigkeit, die ein Elternteil ob des Agierens des anderen Elternteils empfindet. Und doch kann man fast immer etwas tun, um die Situation zumindest nicht noch zu verschlechtern.

Nicht jede Provokation annehmen

„Damit soll ich nur provoziert werden …“ – häufig kennt der Ex-Partner oder die Ex-Partnerin die kleinen Schwachstellen ganz genau und weiß, welche „Knöpfe“ gedrückt werden müssen, um Sie zu provozieren und zum (Über-)reagieren zu bringen. Sie können zwar die Provokation nicht verhindern, aber, wie sie damit umgehen.

Dabei ist es im ersten Schritt wichtig zu erkennen, was die Provokation bei Ihnen auslöst. Sind sie gekränkt, verletzt, beleidigt? Wird ihr Ego angesprochen, Ängste aktiviert oder alte Traumata reaktiviert? Durch das Erkennen dieser auslösenden Faktoren kann man oftmals sehr viel über sich selbst erfahren und in seinem Leben verändern – ein ungeahnter Nebeneffekt, der sich weit über das Trennungsthema positiv auf Ihr Leben auswirken kann.

Im zweiten Schritt kann man dann die Frage stellen, was möchte der andere Elternteil damit bei mir erreichen? Soll ich klein gemacht werden? Soll ich die Beherrschung verlieren? Soll eine bestimmte Reaktion provoziert werden? Diese Fragen sind wichtig, denn durch Provokation versucht ihr Gegenüber sie zu manipulieren. Und wollen Sie sich manipulieren lassen?

Wenn die Antwort auf diese Frage „nein“ lautet (was wohl in den meisten Fällen der Fall sein dürfte), dann folgt Schritt drei. Ich nehme die Provokation nicht an und reagiere nicht so, wie es der andere Elternteil gerne provozieren will. Damit habe nicht nur meinen Anteil dazu geleistet, den Streit nicht weiter zu eskalieren. Ich habe dem anderen Elternteil auch gezeigt, dass ich mich abgrenzen kann und nicht manipulieren lasse. Es sind Macht- und Dominanzspielchen, die man mit etwas Übung ins Leere laufen lassen kann.

Praxisbeispiel1:

AussageDu hast mich doch nie geliebt, es ging Dir doch immer nur um Dich selbst!
Erwartete ReaktionRechtfertigung des anderen Elternteils, schlechtes Gewissen
Mögliche ReaktionIch habe da eine andere Meinung, respektiere aber, wenn Du das so sehen willst.

Praxisbeispiel 2

Aussage„wenn Du nicht machst, was ich sage, dann siehst Du Dein Kind nicht mehr.“
Erwartete ReaktionAngst, Entrüstung, klein beigeben, unterwürfiges bitten
Mögliche Reaktion„Ein Kind ist kein Druckmittel. Du begibst Dich auf ein Niveau, auf dem ich so mit Dir nicht diskutieren werde. Wir haben Verantwortung für unsere Kinder zu übernehmen und diese nicht als Druckmittel einzusetzen“.

Ein solches Gespräch sollte dann im Nachgang schriftlich festgehalten und dem anderen Elternteil per Mail etc. zugesandt werden. Sollte er dann seine Drohung wahr machen, so wäre diese bereits im Vorfeld dokumentiert und bei Gericht etc. verwendbar. Die Drohung wird so in vielen Fällen ins Leere laufen.

Dazu gehört auch, nicht auf jede Provokation zu reagieren. Manchmal ist es besser, auf eine provokante Nachricht nicht zu reagieren und in die beabsichtigte Eskalation nicht einzusteigen. Wenn der erste Impuls lautet „also jetzt muss ich aber …“, dann sollte unbedingt die 24-Stunden-Regel eingehalten werden.

Die 24-Stunden-Regel
Wir neigen häufig dazu in Fällen, in denen wir erregt sind, sofort und unmittelbar zu reagieren, in die Abwehr-, Verteidigungs- oder Gegenangriffshaltung zu gehen. Am nächsten Tag bedauern wir dies vielleicht und stellen uns die Frage, ob eine andere Reaktion nicht vielleicht besser gewesen wäre. Nicht nur, aber insbesondere, in hochstrittigen Trennungskonflikten sollte daher mit jeder Reaktion mindestens 24 Stunden gewartet werden. Erst einmal drüber schlafen.

Es kann auch Sinn machen, die erste gefühlte Reaktion direkt aufzuschreiben – aber keinesfalls abzusenden. Dann, am nächsten Tag, mit etwas Abstand, noch einmal drüberlesen und überlegen, ob die Antwort so tatsächlich angemessen ist. Vielleicht kann man auch noch mal jemanden aus seinem Umfeld um dessen Meinung fragen. Das Ziel sollte immer sein, Eskalationen zu vermeiden. Die 24-Stunden-Regel kann natürlich auch ausgedehnt, sollte aber nicht ohne Not verkürzt werden.

Weniger ist manchmal mehr

Es nimmt teilweise schon groteske Züge an, worum in einigen Fällen ein erbitterter Streit entbrennt und bis zum letzten ausgefochten wird. Da werden 12 anwaltliche Schriftsätze hin und her geschickt, ob Lena-Sophie jetzt um 13:50 Uhr oder um 14 Uhr abgeholt wird. Da gibt es Ausführungen in epischer Breite, wann und wie genau sich das Kind beim anderen Elternteil die Hände zu waschen hat oder dass es der eine Elternteil nicht gut findet, was der andere tut oder lässt – also ob das Brot bei Rewe oder Edeka gekauft wird oder mit welchem Haarwaschmittel die Haare zu waschen sind (ohne medizinische Implikation wohlgemerkt). So unglaublich es klingt, dies sind Beispiele aus der Praxis.

Überlegen Sie sich daher genau, ob ein solcher Streit Sinn macht. Es ist ihre Lebenszeit, ihr Wohlbefinden und vor allem: jeder Streit belastet auch ihr Kind. Daher lieber das ein oder andere Mal darauf verzichten, alles bis ins Detail auszufechten und die Energie lieber in gemeinsame Zeit mit den Kindern investieren. Damit sind Sie dem anderen Elternteil nicht unterlegen, denn Sie haben Lebensqualität gewonnen.

Gleiches gilt für die „Wahl der Waffen“. Immer wieder ist zu beobachten, dass Eltern sich wegen Kleinigkeiten direkt vor Gericht wiederfinden – die höchste Eskalationsstufe im familiären Konflikt.

In der Eskalationspyramide sollte daher immer der Schritt der geringsten Eskalation gewählt werden.

  • Sachlicher Austausch mit dem anderen Elternteil
  • Vermittlung durch private Dritte möglich?
  • Unterstützung durch Familienberatung oder Mediation
  • Jugendamt in Fragen, die die Kinder betreffen
  • Unterstützung durch Anwälte
  • Gerichte

Und auch hier gilt: halten Sie sich an die 24-Stunden-Regel!

Das „weniger ist manchmal mehr“ sollte ein Leitmotiv sein. Auch dieses hat natürlich Grenzen und in Fällen von Umgangsverweigerung, strafrechtlich relevantem Verhalten oder Dingen, die einem selbst oder den Kindern Schaden zufügen, muss gehandelt werden. Dies dann aber bewusst und nicht nur aus einem Impuls heraus.

Die eigenen Emotionen erkennen

Emotionen steuern vielfach unsere Reaktionen – dies ist ein ganz natürliches Verhalten. Trotzdem ist es sinnvoll, sich seiner eigenen Emotionen und den darauffolgenden Reaktionen bewusst zu sein – nicht nur im Fall der zuvor genannten Provokationen.

Ein sehr gutes Beispiel hierfür ist das bekannte Sender-Empfänger-Modell nach Watzlawick oder das 4-Ohren-Modell nach Schulz von Thun.

Nehmen wir mal an, man liegt mit dem anderen Elternteil seit langem im Streit, immer wieder gibt es Probleme. Seit einiger Zeit ist es zwar ruhiger, aber der Groll wirkt noch nach. Jetzt klingelt das Telefon oder eine Nachricht es anderen Elternteils kommt rein. Wir sehen den Namen und verbinden damit eine gewisse Erwartung – und Emotionen. „Was will der Idiot denn schon wieder“ – „Oh man, jetzt macht die bestimmt schon wieder Stress“ oder „das hat mir heute gerade noch gefehlt“. Kommt Ihnen das bekannt vor? Und genau mit solchen Gedanken wird man in das Gespräch einsteigen oder die Nachricht beantworten. Der Weg zur Eskalation ist damit quasi vorgezeichnet, selbst wenn der andere Elternteil diesmal ganz nett und freundlich sein wollte.

Es braucht etwas Übung, sowas zu erkennen, aber es lohnt sich.

Geben Sie jeder Kommunikation die Chance, sich positiv zu entwickeln. Das ist der Teil, den Sie selbst beisteuern können.

Manchmal hilft es auch zu versuchen, den emotionalen Part aus der Elternbeziehung ein wenig heraus zu nehmen, quasi wie mit einem Kunden oder Geschäftspartner. Man muss sich nicht lieben, hat aber eine Beziehung zueinander. Dies kann ein Weg sein, um sich selbst vor unkontrollierten oder schädlichen Emotionen zu schützen.

Wie meine Vergangenheit die Gegenwart prägt

In Gesprächen sind Eltern immer wieder erstaunt, wenn sie nach der eigenen Kindheit und Familiengeschichte gefragt werden, geht es doch ums hier und jetzt und nicht um Dinge die lange vor der Beziehung zum anderen Elternteil passiert sind.

Doch, auch darum geht es häufig, denn unsere Vergangenheit und Familiengeschichte prägt uns und auch unser Verhalten in Partnerschaften ein Leben lang – es sind sogenannte „transgenerationale Effekte“. Eine der ganz wichtigen Fragen dabei: warum habe ich mir diesen Partner, diese Partnerin ausgesucht? Was hat er oder sie bei mir angesprochen? Bewunderung? Hilfsbedürftigkeit, die ich erfüllen und mich damit gut fühlen konnte? Oder eine gewisse Dominanz, die mir Orientierung gab?

Es zählt zu den häufig unangenehmen Wahrheiten, dass man sich diesen Partner selbst ausgesucht hat und mit ihm gemeinsam ein Kind (oder mehrere) in die Welt gesetzt hat. Diese Erkenntnis ist aber wichtig, um damit umzugehen und etwas zu verändern.

Zu erkennen, was dieser Partner aber bei einem angesprochen hat, bietet eine unglaublich große Chance, bei der nächsten Partnerwahl bewusster vorzugehen. Denn es ist selten Wohlbefinden, was einen in eine Beziehung mit alkohl- oder drogenabhängigen, gewalttätigen oder psychisch kranken Menschen treibt. Es ist meist erlerntes Verhalten, welches auch unbewusst in uns schlummert oder Trugbilder, die uns suggeriert wurden, tatsächlich aber nie da waren. Das Problem: diese defizitäre Verhalten ist bekannt und vertraut, man hat gelernt, damit umzugehen, selbst wenn es einem damit nicht gut geht. Darum lässt man sich unbewusst wieder und wieder auf solche Beziehungen ein, solange man dieses Muster nicht erkennt. Man ist quasi in einer Abhängigkeitsspirale gefangen, aus der man sich nur selbst befreien kann.

Es lohnt sich also, einen Blick auch in die eigene Familienhistorie zu werfen, unter Umständen auch mit therapeutischer Unterstützung, da sich solche Mechanismen teils auch über Generationen hinweg abzeichnen können (transgenerationaler Effekt)

Beispiel 1

Die Beziehung ist zerbrochen. Die Mutter kämpft verbissen darum, das Kind alleine aufzuziehen. Sie sieht es als ihre Verantwortung an, nicht als die des Vaters. Sie selbst ist in einer Familie aufgewachsen mit Mutter und Vater, die auch heute noch zusammenleben. In Gesprächen stellt sich dann aber heraus, dass ihre Großmuttter und ihre Urgroßmutter die Kinder jeweils alleine aufgezogen haben – es waren die Kriegsjahre und die Väter waren abwesend oder gefallen. Diese Erfahrung der Alleinzuständigkeit der Mutter für Haushalt und Kinder hatten diese beiden an ihr Kind weitergegeben. Als diese dann Mutter wurde, lebte sie zwar mit dem Vater gemeinsam in einem Haushalt. In Bezug auf Haushalt und Kind hatte der Vater aber nicht zu sagen – so, wie sie es von ihrer Mutter und Großmutter mitbekommen hatte. Dieses Verhalten hat sie dann unbewusst auf ihre eigene Tochter übertragen, die nun nach der Trennung verzweifelt versucht, in 4. Generation an ihren erlernten Verhaltensmustern festzuhalten.

Nachdem diese Zusammenhänge erkannt wurden, konnte in Gesprächen mit Familientherapeuten erreicht werden, dass die Mutter ihr Verhalten änderte und auch den Vater Verantwortung im Leben der Kinder übernehmen lies und dies sogar schätzen lernte. Damit ging es nicht nur ihr besser, es wurde auch der Grundstein dafür gelegt, dass ihre eigenen Kinder ein anderes Verhalten erlernen und den transgenerationalen Teufelskreis durchbrechen können.

Beispiel 2

Der Vater lebt mit der Mutter in einer destruktiven On-Off-Beziehung. Er leidet sehr darunter, kann sich aber auch nicht wirklich trennen, auch wenn sie bereits in zwei Haushalten leben. Immer wieder sucht er den Weg zurück in die für ihn schädigende, belastende und teils auch gewalttätige Beziehung. Warum er das tut, versteht weder er noch sein Umfeld. Er scheint wie abhängig von der Frau zu sein (wird manchmal auch als abhängige Beziehungs- oder Persönlichkeitsstörung bezeichnet).

Auch hier sind es erst lange und tiefgreifende Gespräche, die ihm aufzeigen, dass er in seiner Partnerin genau das findet, was er in seiner Kindheit selbst bei seinen Eltern erlebt hat. Abwertungen, Demütigungen und das unbändige Verlangen geliebt zu werden, fast bis hin zur Selbstaufgabe.

Diese Erkenntnis war schmerzhaft, da er erkannte, dass er in seinem bisherigen Leben genau dort nach Liebe gesucht hatte, wo er sie auf keinen Fall finden würde. Gleichzeitig eröffnete ihm diese Erkenntnis aber die Möglichkeit, zu sich selbst zu finden und bei der Partnerwahl zukünftig genauer hinzuschauen, was ihm guttut und was nicht.

Es ist nie zu spät, etwas zum positiven zu verändern

Diese Beispiele sollen eine Anregung sein hinzuschauen, was einen selbst in diese Beziehung gebracht und darin gehalten hat. Das Erkennen dieses eigenen Anteils ist wichtig, um für die Zukunft etwas zu verändern.

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