17 primäre Entfremdungsstrategien

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Die amerikanische Psychologin Dr. Amy Baker, welche sich umfangreich mit dem Phänomen der Eltern-Kind-Entfremdung beschäftigte, fasste aufgrund ihrer Beobachtungen in Entfremdungsfällen die 17 primären Entfremdungsstrategien des entfremdenden Elternteils zusammen (Baker, A.LJ & Sauber, R.S.(2013). Working with Alienated Children And Families — A Clinical Guidebook. New York: Routledge), welche so in der Praxis tagtäglich zu beobachten sind.

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An Eltern gerichtet sei der dringende Appell, die nachfolgende Liste als absolutes no-go zu verstehen, als Verhaltensweisen, die ihren Kindern erheblichen Schaden zufügen würde.

Für Fachkräfte ist die Liste ein guter Anhaltspunkt um rechtzeitig einzuschreiten, wenn solche Verhaltensweisen und Strategien bei Eltern beobachtet werden. Es handelt sich zum einen um einen Verstoß gegen die elterliche Loyalitätspflicht, zum anderen um emotionalen Missbrauch des Kindes, der verhindert, zumindest aber beendet, werden muss.

1. Schlechtreden

Der entfremdende Elternteil (eE) nutzt verbale und nonverbale Kommunikation, um das Kind davon zu überzeugen, dass der ausgegrenzte Elternteil (aE) das Kind nicht liebt, nicht sicher Oder nicht erreichbar ist. Existente Fehler und Schwächen werden übertrieben und nichtexistente Schwächen werden erfunden. Das Schlechtreden wird Oft wiederholt, erfolgt mit Nachdruck, großer Ernsthaftigkeit und wird durch keinerlei positiven Bemerkungen ausgeglichen.

2. Kontaktreduzierung

Der eE hält sich nicht an Umgangspläne oder nutzt Mehrdeutigkeiten zur Verlängerung seiner Betreuungszeit. Dadurch ergeben sich für den aE weniger Gelegenheiten, um dem Schlechtreden entgegen zu treten und dem Kind positive und relativierende Erfahrungen mit ihm zu ermöglichen. Hierdurch wird die Bindung und Beziehung zwischen Kind und aE ausgedünnt. Das Kind gewöhnt sich infolgedessen daran, weniger Zeit mit dem aE zu verbringen. Das Gericht belohnt den eE möglicherweise damit, den neuen Status Quo als neuen Umgangsplan zu definieren.

3. Störung der Kommunikation

Der eE verlangt Kommunikation mit dem Kind während der Umgangszeiten mit dem aE, erlaubt aber dem aE keinen Zugang zum Kind während seiner Betreuungszeiten. Es wird nicht ans Telefon gegangen, Textnachrichten werden blockiert oder nicht weitergegeben. Der aE hat dadurch weniger Gelegenheiten, an den kleinen Dingen des kindlichen Lebens teilzuhaben.

4. Verhinderung symbolischer Kommunikation

An einen Elternteil zu denken, über ihn zu sprechen oder Fotos von ihm anzusehen, kann dem Kind helfen, sich dem aE auch während seiner Abwesenheit nah und verbunden zu fühlen. Der eE schafft eine Umgebung, in der sich das Kind nicht wohl fühlt, Dinge zu tun, die es an den aE erinnert oder mit ihm zu tun haben. Wenn sich das Kind beim aE aufhält, sorgt der eE dafür, dass er permanent für das Kind präsent ist, indem z.B. häufig besorgt angerufen und gefragt wird, ob es dem Kind auch gut geht. Durch die Omnipräsenz des eE bleibt im Inneren des Kindes kaum Raum die Gedanken und Gefühle bezüglich des aE

5. Liebesentzug

Der eE macht dem Kind deutlich, dass seine Zustimmung zu allem eine überwältigende Wichtigkeit hat. Dadurch würde das Kind alles tun, um einen Liebesentzug seitens des eE zu vermeiden, der auf die Enttäuschung oder Verärgerung des eE erfolgt. Typischer Weise löst die Zuneigung und Liebe des Kindes zum aE den meisten Ärger und Schmerz beim eE aus. Um also die Liebe eines Elternteils nicht aufs Spiel zu setzen, muss das Kind auf die Liebe zum anderen Elternteil verzichten. Der Liebesentzug wird nicht explizit angedroht, dennoch lebt das Kind in Angst, die Liebe und Zustimmung des eE zu verlieren.

6. Dem Kind sagen, der andere Elternteil wäre gefährlich

Eine Sonderform des Schlechtredens, bei dem der Eindruck beim Kind erweckt wird, dass der aE gefährlich ist oder gewesen ist. Es werden Geschichten darüber erzählt, wie der aE dem Kind versucht hat wehzutun. Daran hat das Kind zunächst keine Erinnerung. Wenn die Stories oft genug erzählt und vom Kind in Gedanken nachvollzogen werden, glaubt das Kind diese Geschichten und kann nicht mehr unterscheiden, ob die angeblichen Ereignisse tatsächlich stattgefunden haben oder nicht. Es gibt für das Kind keinen Unterschied im Erinnern an Erlebtes oder Erzähltes

7. Das Kind zwingen zu entscheiden

Der eE wird Mehrdeutigkeiten im Umgangsplan oder Interessenkonflikte des Kindes nutzen (z.B. Party während der Umgangszeiten mit aE veranstalten), um ihm eine Entscheidung gegen die Wahrnehmung des Umgangs mit dem eE abzuringen. Wenn sich beide Eltern an demselben Ort aufhalten, wird das Kind den eE favorisieren und den aE ignorieren oder sich unhöflich ihm gegenüber verhalten.

8. Dem Kind sagen, dass der andere Elternteil es nicht mehr lieben würde

Eine weitere Spezialform des Schlechtredens tritt ein, wenn der eE dem Grund zur Schlussfolgerung gibt, dass der aE es nicht mehr liebt. Dabei wird das Ende der Paarbeziehung der Eltern mit dem Ende der elterlichen Liebe zum Kind gleichgesetzt. (z.B. „Mama hat uns verlassen“, „Papa liebt uns nicht mehr“). Der eE wird im Kind den Glauben schoren. vom aE zurückgewiesen oder verlassen worden zu sein. Situationen werden dementsprechend umgedeutet und als Nachweis des Verlassen Werdens durch den angeführt.

9. Das Kind bezüglich der Belange der Erwachsenen ins Vertrauen ziehen

Der eE bezieht das Kind in das Geschehen bei Gericht ein und gibt persönliche und private Informationen über den aE weiter, die das Kind nicht zu wissen braucht. Der eE stellt sich als Opfer des aE dar, so dass das Kind Mitleid mit dem eE empfindet und diesen beschützen mochte. Zusätzlich empfindet das Kind Ärger und Enttäuschung gegenüber dem aE. Das Kind fühlt sich besonders wertgeschätzt und vertrauenswürdig, weil es vom eE in private Angelegenheiten eingeweiht wurde

10. Das Kind dazu nötigen, den anderen Elternteil abzuweisen

Es werden durch den eE Situationen kreiert, in denen das Kind den aE aktiv zurückweist. z.B. durch Anrufe, bei dem das Kind dem aE mitteilt, dass es nicht zum Umgang kommt, oder dass es nicht möchte, dass der aE an besonderen Schulfeiern teilnimmt. Es wird dem aE nicht nur mitgeteilt, dass er nicht erwünscht ist bei Ereignissen, an denen er teilhaben möchte, sondern diese Botschaft wird zusätzlich durch das Kind aktiv übermittelt. Das führt zu verletzten Gefühlen und Frustration beim aE, der möglicherweise im Affekt mit harschen Worten gegenüber dem Kind reagiert. Dadurch wird die zerbrechliche Beziehung zwischen aE und Kind weiter untergraben. Weiterhin rechtfertigt das Kind vor sich selbst die Abweisung des aE, weil dieser sich in der Ablehnungssituation ihm gegenüber aus Frust nicht korrekt verhalten hat.

11. Das Kind dazu anhalten, den anderen Elternteil auszuspionieren

Für den eE interessante Informationen (Unterlagen, Kontoauszuge, Arztberichte etc.), die ihm zusätzlich vor Gericht vermeintliche Vorteile einbringen können, werden durch das Kind dem eE zugetragen. Die Bitte darum kann direkt oder indirekt erfolgen, indem der eE behauptet, dass der aE ihm diese Informationen unrechtmäßig vorenthält. Wenn die Kinder Informationen an den eE weitergegeben haben, fühlen sie sich schuldig und zusätzlich unwohl in Anwesenheit des aE, wodurch die Entfremdung weiter vorangetrieben wird

12. Das Kind bitten, Geheimnisse vor dem anderen Elternteil zu bewahren

Der eE deutet an oder sagt, dass bestimmte Informationen dem aE vorenthalten werden sollen, damit dem Kind keine Nachteile entstehen. z.B. „Wenn Mama wüsste, dass wir am Wochenende in den Freizeitpark fahren wollen, würde sie zum Gericht gehen und das verhindern. Also sagen wir ihr das erst am Samstag, wenn sie nichts mehr dagegen machen kann.“ Wie beim Ausspionieren führt dies zur Distanzbildung zwischen Kind und das Kind fühlt sich schuldig und unwohl in der Anwesenheit des aE. Wenn der aE herausfindet, dass das Kind Informationen vorenthalten hat, wird dieser ärgerlich und verletzt reagieren.

13. Den anderen Elternteil beim Vornamen nennen

Statt den aE mit „Mama/Papa“, „Deine Mama/Dein Papa“ zu bezeichnen, spricht der eE vom aE nur mit seinem Vornamen. Die Botschaft an das Kind ist dabei, dass der aE keine besondere Autoritätsfigur mehr darstellt und auch keine besondere Bindung an den aE fortbesteht. Wenn der eE den aE mit seinem Vornamen bezeichnet, stuft er ihn auf das Level eines Gleichaltrigen oder Nachbarn zurück.

14. Einen Stiefelternteil als“Mama“ oder „Papa bezeichnen und das Kind dazu anhalten, dies ebenfalls zu tun

Der neue Partner wird als Elternteil (einzige Mama, einziger Papa) bezeichnet. Den Lehrern oder Eltern von Freunden wird der Stiefelternteil als „Mutter“ Oder „Vater• vorgestellt. Vom Kind wird ebenfalls erwartet, dass es dieselbe Bezeichnung wählt. Wenn der aE herausfinden sollte, dass das Kind den Stiefelternteil als Elternteil bezeichnet, reagiert er wahrscheinlich ärgerlich und verletzt dem Kind gegenüber.

15. Medizinische, schulische oder andere wichtige Informationen vorenthalten, den Namen des aE auf Dokumenten nicht angeben

Alle Unterlagen der Schule. von Sportclubs, Kirchengruppen usw. enthalten Fragen zur Angaben beider Eltern. Der eE wird diese Informationen sowohl auf den Dokumenten nicht angegeben als auch dem aE die Informationen vorenthalten, dass und wo er sie hätte ausfüllen müssen. Dadurch wird der aE von der Informationsweitergabe oder Information im Notfall abgeschnitten. Außerdem wird der eE alle wichtigen Informationen nicht weitergeben, die der aE zur Ausübung seiner Elternschaft braucht. Im Ergebnis wird der aE in den Augen des Kindes und wichtiger Erwachsener in seinem Leben in die Bedeutungslosigkeit abgedrängt. Der aE kann auf diese Weise kaum ein aktiver und eingebundener Elternteil mehr sein.

16. Den Namen des Kindes ändern, um die Verbindung zum anderen Elternteils zu reduzieren

Wenn der eE die Mutter ist, könnte diese nach der Scheidung den Mädchennamen wieder annehmen und diesen Namen als Nachnamen des Kindes angeben. Oder sie heiratet wieder und verwendet dann den neuen Familiennamen als Nachnamen für das Kind. Ist der eE der Vater, könnte er das Kind beim Spitznamen nenne und ihm so eine Identität verschaffen, bei der der eE die wichtigste Bezugsperson darstellt. Der aE fühlt sich ausgeschlossen und seltsam, wenn sich das Kind selbst mit dem neuen Namen bezeichnet. Zusätzlich könnte sich der aE dadurch zurückgewiesen fühlen und Ärger und Enttäuschung zum Ausdruck bringen.

17. Abhängigkeit kultivieren und die Autorität des anderen Elternteils untergraben

Entfremdete Kinder sprechen von den eE, als wären diese perfekt, unerreichbar und besonders. Außerdem verhalten sie sich, als wären sie abhängig vom eE, was meist ihrem Alter nicht entspricht. Die eE nähren die Abhängigkeit im Kind, anstatt sie zu lehren (was typisch für nicht entfremdende Eltern ist), kritisch zu denken, ein Gefühl von Selbstwirksamkeit sowie Autonomie und Unabhängigkeit zu entwickeln. Außerdem unterminiert der eE die Autorität des aE, um sicher zu gehen, dass das Kind nur gegenüber einem Elternteil Loyalität entwickelt. Beispielsweise werden Regeln aufgestellt, die ebenfalls beim aE zu gelten haben oder Regeln des aE unterwandert. Der eE wird in den Augen des Kindes erhöht, während der aE immer weniger wichtig und bedeutsam wird.

Alle Techniken zielen auf die Unterwanderung der Autorität des anderen Elternteils ab und auf die Deprivation seiner Beziehung zum Kind. Nicht alle Techniken müssen in einem Fall beobachtbar sein. Es kommt darauf an, wie effektiv der entfremdende Elternteil die Techniken einsetzt.

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